Mathematiker wie ich und
Juristen allemal denken in zweiwertiger Logik: Ja oder Nein. Schuldig oder nicht schuldig.
Theologen sind auch so: Glaube! Entweder-Oder. Aber sehen Sie seit es die Ökonomie
gibt, ist dieser grobe Ansatz langsam veraltet. Wir müssen die Gesetze durch Tabellen
ersetzen und Urteile durch Deals.
Die Gesetze oder Vorschriften sind eigentlich nur gegen ziemlich krasse
Abweichungen nötig. Normal vernünftige, gesunde und ethische Menschen haben wie
man sagt nichts zu befürchten. Sie kommen nie mit der Polizei, dem
Richter, dem Psychologen, dem Werksleiter, dem Arzt oder dem Schulleiter in Berührung,
weil sie eben normal in der Mitte leben. Erst wenn Grenzen überschritten werden, kümmern
sich die Hüter der Mitte um uns, die Abweichungen aller Art bekämpfen. Abweichungen
werden Grenzübertritte, Krankheit, Neurose oder Unfähigkeit genannt.
Seit es aber die Ökonomie und das Management gibt, muss alles
effizient werden. Effizienz quetscht das Bestmögliche heraus. Sie geht per definitionem
an jede Grenze. Alles wird ausgereizt bis zum Letzten. Dort, am Limit, steht der Jurist
und wacht. Ein unterlassener Hinweis auf Suchtgefahr bei Klingeltönen und 2 Milliarden
Schadenersatz! Ja ist das wirklich zeitgemäß, immer Millimeter vor dem Tod zu
stehen? Wäre es nicht besser, wir hätten Straftabellen für alles, so dass wir uns ein
wenig Übertreten leisten können? Der Richter fragte dann wie heute schon der Arzt:
Normal- oder Privatrecht? Recht muss sich nach Leistung richten!
Verordnungstabellenstaat statt Rechtsprechung! Dealen statt Richten!
Schieberegler statt Legislative! Grenzmanager statt Anwälte! Unser Leben muss ökonomisch
werden.
(Ich wollte eine Satire schreiben. Nun ist es eine Vorhersage geworden. Jura wird dann
viel einfacher zu studieren, weil man Präzision des Denkens durch etwas
Verhandlungsgeschick ersetzen kann.)
Prof. Dr. Gunter Dueck ist einer der IBM Distinguished Engineers,
IEEE Fellow, Mitglied der IBM Academy of Technology und IBM Master Inventor. Bei IBM
arbeitet er an der technologischen Ausrichtung mit und befasst sich mit Strategiefragen
und Cultural Change. Nach der Habilitation 1981 war er außerdem fünf Jahre Professor
für Mathematik an der Universität Bielefeld. Nach mehreren satirisch-philosophischen
Publikationen über das Leben, die Menschen und Manager (E-Man, Die
beta-inside Galaxie und Wild Duck) erschien beim Springer-Verlag in drei
Bänden seine ganz eigene Philosophie in der Rubrik Duecks World: Omnisophie:
Über richtige, wahre und natürliche Menschen (2. Auflage 2004), Supramanie:
Vom Pflichtmenschen zum Score-Man (2003) und Topothesie: Der Mensch in
artgerechter Haltung (2004).
Internet: www.omnisophie.com
eMail: dueck@de.ibm.com |