Von
Sebastian Sigler
Jeder, der Entscheidungen zu
treffen hat, kennt die Frage: Bin ich zutreffend, bin ich ausreichend informiert? Wer auf
der anderen Seite berechtigte Interessen vertritt, kennt dies Problem: Wie bringe ich
meine Informationen an die Stelle, an der die für mich und meine Sache so wichtigen
Entscheidungen g etroffen werden?
Beiden Seiten zugleich wird durch Aktivitäten im Bereich des Lobbyismus geholfen, also
durch die gezielte Vermittlung von Faktenwissen.
Heinrich Timmerherm,
Bevollmächtigter des Vorstands und Leiter Konzernbüro Berlin der BMW Group, definiert
das folgendermaßen: Effiziente und effektive Interessenvertretung ist ein Austausch
von Informationen. Der informative Dialog von Politik und Wirtschaft ermöglicht bessere
Ergebnisse für bessere wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen.
Um mit Lobbyarbeit Erfolge zu
erzielen, bedarf es eines Netzwerks, das auch belastbar ist. Das bedeutet, daß die
Kontaktpartner die Themen, die der Vertreter eines bestimmen Interesses ihnen vorgibt,
auch weitergeben entweder an einen Entscheider oder an ein Medium, das Leitfunktion
für Entscheider hat. Denkbar sind hier überregionale Tageszeitungen oder angesehene
Fernsehsendungen wie die Nachrichten und Politikmagazine der öffentlich-rechtlichen
Anstalten. Unverzichtbar ist für alle Beteiligten in dieser Kette, die durch Lobbyarbeit
gebildet wird, das Vetrauen untereinander, zumindest aber zu den Kontaktpartnern, von
denen die Information bezogen und an die die Information weitergegeben wird.
Dem Lobbyismus eigen ist dabei,
daß das wirkliche Ergebnis häufig nicht direkt oder sogar erst nach verhältnismäßig
langer Zeit abgelesen werden kann, wenn zum Beispiel tatsächlich ein Parlament eine
bestimmte Regelung annimmt, für die mit den Mitteln des Lobbyismus schon länger
gefochten worden ist. Klassische und augenfällige Beispiele in diesem Zusammenhang sind
Industrie- und Straßenbauprojekte, die das öffentliche Interesse stark beschäftigen.
Viel intensiver noch ist die
Lobbyarbeit in Bereichen wie der Rüstungsindustrie. So kam während der Prozesse gegen
Max Strauß und gegen Manager des Thyssen-Konzerns in den letzten beiden Jahren ans
Tageslicht, daß in der Wehrtechnik tätige Konzerne bei bestimmte Rüstungsprojekten
über 40 Prozent des Gesamtwertes des Auftrages für die Lobby-Arbeit einplanen ein
gewaltiger Wert.
Doch der Lobbyismus, dies
Instrument der Interessenvertretung oder Informationsgewinnung hat seine
Grenzen. Wenn Geld ins Spiel kommt, wenn also dafür bezahlt wird, dass Interessen
durchsetzbar werden, beginnt die Unmoral. Diesen Rubicon darf man keinesfalls
überschreiten, betont Ulrich Lechleitner, der Pressesprecher des Verbands der
bayerischen Bezirke, der schon für Springerss WELT und andere große Zeitungen als
Redakteur und Korrespondent arbeitete und das politische Geschäft wie seine Westentasche
kennt. Lechleitner fügt im Hinblick auf die aktuelle Nachrichtenlage hinzu:
Politiker dürfen sich aber den Lobbyisten auch nicht andienen nicht, um zu
Informationen zu kommen, und schon gar nicht, um Geld für sich oder ihre Partei
einzunehmen. Vielmehr müsse für den Politiker der Wähler im Vordergrund seines
Interesses stehen, denn quasi jeder Wähler sei durch mindestens einen Lobbyisten
vertreten: Das geht vom Schützenverein über die Elternpflegschaft an der Schule
bis zur Umweltorganisation und von den Gewerkschaften bis zur
Mittelstandsvereiningung. Hier gelte es für den Politker, die Nähe von Lobbyisten
zu suchen: Nur wer diese Interessen umsetzt, wird dies auch von den Wählern, deren
Interessen jeweils berührt sind, honoriert bekommen.
Doch nicht nur knallharte
politische und wirtschaftliche Interessen sind es, die eine Lobby brauchen. Im
normalen politischen Geschäft wird bevorzugt durchgesetzt, was meßbaren Erfolg
verspricht, beklagt Johannes Seidel, der als Berater für große karititive
Einrichtungen wie die Knochenmarkspende e.V. arbeitet, Menschen, die sonst keine
Lobby haben, müssen mit den Mitteln des Lobbyismus präsent gehalten werden.
Leukämiekranke, Sehbehinderte, Demenzkranke, all diese Menschen und viele andere brauchen
Sprecher und Befürworter. Insbesondere kritisiert er dabei die momentane
Bundesregierung: In Berlin wird derzeit extrem stark nach Windrichtung und
Tagespolitik entschieden, da ist ein positiver Lobbyismus umso wichtiger. Für diese
wichtige Arbeit brauche es Menschen, die wiederum persönliche Ansprechpartner in der
Politik hätten, mit denen sie diskutieren könnten. Der Senat, die kürzlich abgeschaffte
zweite Kammer des bayerischen Landespolitik, sei beispielsweise ein hervorragendes Mittel
für wohlverstandenen Lobbyismus gewesen: So etwas bräuchten wir wieder.
Ein Paradebeispiel für
gelungenen Lobbyismus in Deutschland ist die Umwelttechnik. Der Umweltschutz hatte
hierzulande Fürsprecher, die aus allen politischen Lagern kamen, und vor 25 Jahren
gründete sich sogar eine Partei, die den Umweltschutz offiziell zu ihrem obersten Ziel
deklarierte. Die Folge dieser breiten gesellschaftlichen Entwicklung, die von Lobbyisten
aus allen Lagern betrieben wurde: Deutschland ist heute weltweit an der Spitze im Export
von Umwelttechnologie.
Wettstreit der Informationen
so könnte man wohlverstandenen Lobbyismus definieren. Wer diese Art der
Informationsvermittlung ablehnt, stellt damit auch unser pluralistisches System in Frage,
das ja letztlich auf einem Wettstreit der Informationen, einem Wettstreit der Meinungen
beruht. Vorausgesetzt, daß keine unlauteren Ziele im Spiel ist und daß kein Mißbrauch
durch Geld oder andere Vorteile betrieben wird, ist der Lobbyismus also ein
wünschenswertes, ein wichtiges Element unserer sozialen Marktwirtrtschaft und unserer
freien Gesellschaftsordnung. Übertriebene Skepsis ist unangebracht, eine gesunde Vorsicht
angesichts der Mißbrauchsmöglichkeiten aber angeraten. Insgesamt ist das Bild, das sich
vom Lobbyismus bei genauer Betrachtung ergibt, ein positives.
Sebastian Sigler arbeitet als
freier Journalist in München. Er schreibt für überregionale Zeitungen und Magazine wie
DIE WELT, FOCUS und den Rheinischen Merkur. Den Facetten der Interessenvertretung hat er
ausführlich von beiden Seiten des Schreibtischs kennengelernt: Als Chefredakteur des
Internetdienstes www.politikerscreen.de einerseits, als ehrenamtlich tätiger Gründer und
Mitabreiter eines Jugendlagers für behinderte Jugendliche andererseits. Sebastian Sigler
organisiert zudem Wohltätigkeitsbälle in München (Chrysanthemenball) und
ist Mitglied des Ritterlichen Ordens St. Johannis vom Spital zu Jerusalem
(Johanniterorden). Sie erreichen ihn unter sebastiansigler@hotmail.com. |