Coaching

Angst vor Fehlern

AngstKaum hat man den Stress des 2. Staatsexamens überstanden, kommt die nächste Herausforderung: Die erste Anstellung bzw. die ­Selbstständigkeit! Obwohl die eigene Kanzlei das Ziel vieler Juristen ist, werden sie im Referendariat nur unzureichend ­auf eine unternehmerische Tätigkeit vorbereitet.

Es sind die vielen neuen Herausforderungen in der täglichen Berufsausübung, die Be­denken Angst, Versagenund Ängste auslösen können. Neue Abläufe lösen zunächst einmal Unsicherheit aus, man hat das Gefühl, den Überblick zu verlieren, hat noch keine Routine.  Haben wir nicht alle schon einmal eine Frist versäumt, eine Gebühr falsch berechnet, ein wichtiges Dokument vergessen oder einen Prozess ­verloren, weil wir ein entscheidendes Detail übersehen haben bzw. haben wir nicht alle mehr oder weniger Angst davor, dass uns das bei der Anwaltstätigkeit passieren könnte? ­Angst haben, sich hilflos fühlen, und das als Anwalt? Gehört es nicht gerade zu unserer Vorstellung und Erfahrung, dass man als Anwalt immer noch etwas mehr weiß als andere und sich zumindest in diesem Rechtssystem zu wehren weiß, ein dickes Fell haben sollte?

Dennoch: Gerade als Anfänger passieren einem leicht Dinge, die man gemeinhin als FehlerAngst See klassifiziert und diese Möglichkeit macht uns Angst, auch wenn man eine Berufshaftpflichtversicherung hat. Die Versicherung hilft zwar bei einem Vermögensschaden, aber sie hilft weder, ihn zu verhindern noch, den inneren Frieden wieder zu gewinnen. Normalerweise sehen wir Fehler als etwas, das es unbedingt zu vermeiden ­gilt. In unserer Gesellschaft werden Fehler bestraft und nicht gefördert. Daher haben die meisten Angst davor, einen Fehler zu begehen. So kommt es, dass die meisten sich große Mühe geben, keine Fehler zu ma­chen und Angst davor haben, zu „versagen“.

Was aber ist Angst eigentlich?

Angst ist eine Form von Furcht, die ein Ergebnis von Gedanken ist, und weniger auf eine akut vorhandene Gefahr in der gegenwärtigen Umgebung beruht. Anders als Tiere können Menschen Adrenalin als direkte Reaktion auf einen Gedanken produzieren. Da der Gedanke und eine akute Bedrohung nicht das Gleiche sind (wie es für ein Zebra wäre, das einen Löwen sieht) findet die Aktion, die nötig ist, das Adrenalin im System wieder abzubauen, nicht statt (das Zebra rennt los, ­deshalb braucht es zuerst einen Adrenalinstoss!). Bei uns wird das Adrenalin meist ­nicht durch eine entsprechende Handlung abgebaut (daher schwören manche auf Joggen), sondern der Pegel steigt und führt zu unangenehmen Gefühlen (Angst kommt von Enge), und diese wiederum zu Gedanken, die wiederum die Adrenalinausschüttung ­anregen können.

Ängste werden also durch unsere eigenen Gedanken erzeugt. Wir sind als Menschen fantasiebegabt. Aus der gedanklichen Vorstellung heraus, was alles passieren könnte (auch ohne, dass wir einen Fehler gemacht haben), entstehen unangenehme Gefühle. Angst ­empfinden wir daher als ein unangenehmes Gefühl, das Fluchtreflexe ­auslöst, dahinter verstecken sich wiederum andere Gefühle wie Hilflosigkeit, Scham, Wut, Minderwertigkeit und Trauer.


Angst ist aber auch eine produktive Reaktion

Angst KletternAuf eine Bedrohung von außen oder auf eigenes Fehlverhalten fördert Angst die Suche nach besseren Alternativen und dadurch das Lernen. Allerdings haben nur wenige ­Menschen den richtigen Umgang mit ihrer Angst gelernt. Unsere typische Grundstrategie im Umgang mit der Angst ist, sie möglichst zu vermeiden. Wir setzen Angst nicht als Instrument ein, sondern fürchten Angst als etwas Unheimliches. Anstatt sie sinnvoll zu nutzen, leugnen und verdrängenAngst, Mut wir die Angst. Dadurch wird sie unproduktiv und lähmend. Fest steht: Erst durch Unterdrückung und Verdrängung gewinnt Angst an Macht. Starke Angst ist in letzter Konsequenz immer eine Todesangst. Angst ist also die Erwartung, dass etwas Schlimmes passieren wird, das wir abwehren möchten: Wir möchten uns ­nicht blamieren, wir wollen nicht haftbar gemacht werden, wir wollen nicht unsere Si­cherheit verlieren und uns nicht bedroht fühlen, wir wollen nicht schwach sein - die Angst soll einfach vergehen!

Nicht selten wird als Unterstützung zur Verdrängung und Beruhigung ein Suchtverhalten an den Tag gelegt, sei es mit Medikamenten, Alkohol oder anderem. Durch die Suchtstoffe wird der Eindruck erweckt, dass das Problem erleichtert wird. Auf Dauer werden damit jedoch eher zu­sätzliche ­Schäden zugefügt.

Für den richtigen Umgang mit der Angst ­muss vor allem das Vertrauen in die eigene Person und in das Leben gestärkt werden. ­Die gute Nachricht ist also: „Nicht die Umstände beunruhigen uns, sondern, wie wir darüber denken“ (Seneca)

Ebenso, wie durch die eigene Gedankenwelt unbewusst Angst erschaffen wird, kann bewusst innerer Friede geschaffen werden, indem den Gedanken eine neue Richtung gegeben wird. Die einzige wirkungsvolle Strategie, mit der Angst umzugehen, ist daher, sich ihr mutig zu stellen, sie anzunehmen als einen Teil unserer Persönlichkeit.

Wege aus der Angstfalle

Angst Himmel1. Sobald Sie sich in einem Angstzustand ­befinden, versuchen Sie, bewusst und tief zu atmen, ohne die Angst verdrängen zu wollen.

2. Führen Sie sich die schlimmsten Konsequenzen vor Augen, also den worst case. Sie werden feststellen, dass selbst die schlimmste Möglichkeit, wenn sie erst sachlich durchdacht wird, in der Regel nicht so dramatisch ist, wie zunächst befürchtet. Hilfreich sind folgende Fragestellungen:

  • Was genau löst meine Angst aus?
  • Was kann im schlimmsten Fall passieren?
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass das passiert?
  • Was kann ich jetzt tun, damit es mir besser geht und ich mich sicherer fühle?
3. Wenn Sie jetzt noch Ihre Körperhaltung ­verändern und aufrechter stehen, mit beiden Füssen fest auf dem Boden, den Blick heben und ruhig atmen und sich vorstellen, wie Sie aussehen und stehen würden, wenn Sie das Problem schon gelöst hätten, werden SieAngst, Befreiung, Erfolg vielleicht merken, dass sich Ihr Zustand ­schon verbessert und ein Lächeln Ihre Lippen umspielt. Sobald Sie so stehen und atmen, und ihre Physiologie verändert haben, wird sich auch das Gefühl einstellen, als ­könnten Sie es schaffen!

4. Es gibt keinen Misserfolg – nur Resultate. Machen Sie sich bewusst, dass Angst ­vor Fehlern ein früh trainiertes Verhalten ist, Sie aber Ihre Ansicht über „Fehler“ heute ändern können. Fehler sind nichts weiter als Erfahrungen. Fehler machen bedeutet nur, dass noch etwas fehlt, was hier und jetzt erlernt werden kann. So gesehen sind Fehler die Wegweiser zum Erfolg…

Erfolgreiche ­Menschen trauen sich, trotz der Angst Fehler zu machen, Dinge auszuprobieren und dazuzulernen. Das setzt natürlich ein gewisses Vertrauen in sich selbst und die Welt voraus. Hier geht es um das Vertrauen, dass man aus jedem Fehler wirklich etwas lernen kann.

Das Vertrauen, dass man jeden Fehler ir­gendwie wieder ausbügeln wird, auch wenn eine Handlung zuerst vielleicht negative Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Erfolgreiche Menschen nehmen die Chance wahr, Dinge auszuprobieren, um zu lernen, was funktioniert und was nicht und betrachten ihre Fehler daher als Rückmeldung über Kursabweichungen und Verbesserungsmöglichkeiten. Es ist eine Frage der Einstellung! „Es ist von großem Vorteil, die Fehler, aus denen man lernen kann, recht früh zu machen“ (Sir Winston Churchill)
  • Erlauben Sie sich, Fehler zu machen?
  • Erlauben Sie sich, zu lernen und zu experimentieren?
  • Haben Sie Vertrauen zu sich selbst und ­zum Leben?
5. Ein guter Ausweg aus akuten Angstsituationen ist die Fragestellung, welche Relevanz die Begebenheit zu einem späteren Zeitpunkt haben wird, also: Welche Bedeutung hat dies in einem Jahr für mich? In zehn Jahren? Oder man geht noch weiter, nämlich bis an das eigene Lebensende und überlegt sich, wie man sich das eigene Versterben vorstellt. Voller Angst vor Fehlern oder einem möglichen „Scheitern“? Oder voller Freude darüber, ­dass man das Leben voll und ganz mit  seinen Überraschungen bewusst gelebt hat? Indem man sich seiner selbst und  der aktuellen Situation bewusst wird, sie auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft und verändert, ­können Ängste aufgelöst werden. Aufgelöste Ängste erzeugen wiederum Sicherheit, ­Frieden und Klarheit.

„Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab“ (Marc Aurel)


Autorin:

Rechtsanwältin Anja Gerber-Oehlmann berät insbesondere Unternehmen in der Vertragsgestaltung und Verhandlungsführung. Sie ist auch als Business Coach tätig. Für ­den fachlichen ­Austausch steht sie unter ­info@go-contracts.com und der Tel. 08170 /90 88 47 zur Verfügung. www.go-contracts.com.


 

 

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